Wir faken uns die Welt, wie sie uns gefällt

Vielleicht hat es der ein oder andere gemerkt: Ich habe mich die letzten zwei Wochen etwas zurückgezogen. Musste mal Pause machen von Instagram, dem Bloggen und der ganzen virtuellen Welt. Weil dieses ganze Gehasche nach Likes, Kommentaren und Anerkennung mich manchmal überflutet und überfordert. Und ich mir denke: Wer hat uns diesen Druck auferlegt, dass wir dieser surrealen Welt so viel Zeit widmen? Sollten wir nicht die echte Welt etwas mehr genießen und weniger Zeit mit dem Schießen von Bildern, dem Bearbeiten, dem Herumstreunern auf anderen Profilen verbringen?

Versteht mich nicht falsch, ich finde die Plattformen wie WordPress, Instagram und Co. toll. Und sie bereichern unser Leben. Irgendwie. Denn man kann sich mit vielen Leuten vernetzen, zu denen man sonst niemals Kontakt gehabt hätte. Man kann sich austauschen, sich unterstützen und sogar Freundschaften schließen, die über die virtuelle Welt hinausgehen. Man kann sich Inspiration holen, sei es in der Mode, für die vier Wände oder jeden anderen Bereich. Aber trotzdem ersetzen solche Plattformen das reale Leben nicht und es sollte doch wirklich nicht darin ausarten, dass man den halben Tag am Handy oder Laptop verbringt.

Der verkrampfte Wunsch nach Anerkennung

Aber genau das merke ich bei einigen Bekannten (die das Ganze nicht hautberuflich machen, wohlgemerkt): Sie laden täglich ein bis zwei Bilder auf Instagram hoch, denen man die Mühe wirklich ansieht. Von der aufwendigen Location-Suche über sicherlich zahlreiche Fotoversuche bis hin zur aufwendigen Bearbeitung und der gut überlegten Caption. Da gehen doch locker einige Stunden bei drauf! Damit aber nicht genug: Um auch die passende Anerkennung zu bekommen, sind viele in Support-Gruppen und müssen sich ihre Likes und Kommentare noch hart erarbeiten. Wie? Sie posten ihr Bild in eine WhatsApp-Gruppe, in der vielleicht 50 Mitglieder sind. Posten nun alle diese Mitglieder ihr Bild, muss man natürlich jedes Bild liken, am besten noch abspeichern und kommentieren. Aber nicht irgendwie, sondern bitte positiv, mit mindestens fünf Wörtern, drei Smileys und unbedingt ganz individuell. Denn das erhöht die Reichweite. Wichtig, wichtig!

Woher ich das weiß? Ich habe das mit der Support-Gruppe selbst mal ausprobiert. Shame on me, ich weiß! Ich dachte mir: Wenn das jeder macht, dann möchte ich doch mal schauen, ob das nicht auch was für mich ist. Denn die Reichweiten sinken, die Inhalte gehen unter. Da wollte ich aktiv gegen an gehen. Aber wisst ihr was? Ich habe mich so unwohl gefühlt, Bilder, die ich sonst nicht mal geliked hätte, mit scheinheiligen Kommentaren wie „Oh, wow, du siehst toll aus!“ zu kommentieren, dass ich direkt wieder aus der Gruppe ausgetreten bin. Denn statt Spaß war das Ganze eher ein zusätzlicher Druck. Diese strikten „Gruppen-Regeln“, dieser Ernst, dieser Kampf um Anerkennung. Heftig!

Likes, Kommenare, Anerkennung: Manchmal ist mir das zu viel!

Ich mein, ich kann verstehen, dass Influencer gegen die sinkenden Reichweiten angehen möchten und ihre virtuelle Visitenkarte aufpimpen möchten. Denn egal wie gut der Content ist: Wenn keiner darauf reagiert, haben sie nicht viel davon. Und es ist ja schließlich ihr Beruf. Aber was mir Angst macht, ist, dass auch User abseits der Blogger- und YouTube-Szene, abseits der beruflichen Schiene, mittlerweile so geil auf den Insta-Fame sind, dass sie zu allen Mitteln greifen, die nötig sind. Gekaufte Likes, gekaufte Follower, gezwungene Support-Gruppen. Ist das denn der Sinn der Sache? Dass eine kreative Plattform so hintergangen wird? Und das nur, weil unsere Generation so sehr darauf aus ist, dass sie wertgeschätzt wird? Dass man uns wahrnimmt? Dass man möglichst viele Likes hat, nach denen man bewertet wird? Dass man Werbepartner lockt und Dinge abgreifen kann?

Ich finde diese Entwicklung schon irgendwie beängstigend. Und muss mich immer mal wieder zurückziehen, um zu merken, was wirklich im Leben zählt – so kitschig und abgedroschen das klingen mag. Aber Zeit mit meiner Familie, mit meinen Liebsten – und zwar offline und völlig ohne Ablenkung – ist mir doch wirklich wichtiger als ein erschlichener Fame, der einen doch tief im Inneren langfristig gar nicht glücklich machen kann. Und sicherlich nicht erstrebenswert ist!

7 Antworten auf „Wir faken uns die Welt, wie sie uns gefällt

  1. Ich bin bei Dir! Auch ich verbringe zu viel Zeit mit Handy & Co., das muss ich leider zugeben. Aber gerade am Wochenende versuche ich mir meine Freiräume zu erhalten. Ich möchte nicht, dass Social Media die komplette Kontrolle über mich bzw. meine Zeit bekommt.
    Bloggergruppen, bei denen ich Bilder liken und kommentieren „muss“, die ich nicht mag, sind auch absolut nicht meins. Ich war mal in einer Gruppe (nur 5 Mitglieder), bei denen ich wirklich die Bilder gemocht habe und wir uns auch über andere Themen ausgetauscht haben. Als sich die Mitglieder änderten hab ich mich zurück gezogen. Denn wenn ich die Bilder mag, folge ich auch so weiter und kommentiere. Aber eben, weil ich es möchte.
    Ich finde, Instagram und Co. bestimmen unser Leben viel zu viel. Wie gesagt, ich versuche mir gezielt Auszeiten zu nehmen. Und wenn ich dann mal 20 Follower von meinen wenigen verliere, ist das halt so.

    Viele liebe Grüße,

    Tabea
    von tabsstyle.com

    Gefällt 1 Person

    1. Das finde ich genau richtig so! Ganz drum herum kommt man ja doch nicht 😉 Deine Einstellung finde ich super und teile ich auch genauso. Ich like, was ich möchte und nicht, was ich muss. Und wenn die Follower gehen, sollen sie gehen 😉

      Liebe Grüße an dich zurück!

      Gefällt 1 Person

  2. Da sprichst du mir aus der Seele. Was haben die Leute von gekauften Likes und Kommentaren?! Da betrügt man sich nicht nur selbst. Wenn man sich auf diese Weise Werbeverträge erschleicht, kann man Riesenärger in Form von Regressansprüchen oder Betrugsklage bekommen.
    LG Reni

    Gefällt 1 Person

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