#BlackLivesMatter: Was wir brauchen, ist ehrliches Einstehen und keine Scheinheiligkeit

Die Sonne über Hamburg strahlt seit Tagen. Mein Inneres ist dagegen seit einiger Zeit betrübt. Mehr als das. Trauer, Wut, Enttäuschung und Unverständnis kommen immer wieder in mir hoch. Über das, was wieder und wieder passiert. Wie Afroamerikaner in den USA von abartigen Polizisten zu Tode gequält werden. Wie aber auch schwarze Menschen hierzulande oft noch behandelt werden. Damit sich das endlich ändert, reicht es nicht mehr, nur mit denen zu sprechen, die sich in unmittelbarer Nähe befinden. Das mache ich seit Jahren – nicht nur, weil auch mein Sohn, mein Herz, schwarz ist. Sondern weil es ein völliges Unding ist, dass Menschen mit dunkler Haut nicht wertgeschätzt werden. Denen, die so denken, muss gehörig der Kopf gewaschen werden. Damit das passiert, müssen wir darüber reden, schreiben, darauf pochen, dass sich jeder Einzelne damit auseinander setzt. Und zwar wirklich ehrlich und aufrichtig. Nicht oberflächlich und scheinheilig.

Soll heißen: Es reicht eben nicht, zu sagen, dass man nicht so denkt und jeden Menschen gleich behandelt. Dass man kein Rassist ist. Dass man nicht nach der Hautfarbe bewertet oder Vorurteile im Kopf hat. Das sorgt nicht dafür, dass in Zukunft schwarze Menschen so wertgeschätzt werden, wie sie es verdient haben. Dass alte Klischees verschwinden. So ändert sich nichts.

Auch mir ist erst jetzt wirklich klar, wie sehr man aktiv werden muss. Wie sehr man sich gemeinsam bemühen muss, um eine Zukunft zu erschaffen, die so ist, wie sich das unsere Generation immer wünscht: offen und tolerant. Ohne Vorurteile, die aus Dingen wie der Hautfarbe resultieren. Wir als Menschen mit Privilegien, die noch nie wegen Äußerlichkeiten derart negativ beurteilt wurden, haben die Aufgabe, gegen Ungerechtigkeit aktiv zu werden und mit denen zu reden, zu interagieren, die noch falsch denken. Jetzt. Und zwar immer und immer wieder. Damit eine vorurteilfreie Denkweise und ein komplett offenes Miteinander kein Schein sind, sondern Realität. Damit schwarze Menschen Wertschätzung erfahren und sich nicht eine Sekunde unwohl in ihrer Haut fühlen, unsicher sind oder denken, es sei etwas falsch an ihnen. Das ist nämlich nicht so! Im Gegenteil: Falsch ist nur der Weiße, der ihnen das Gefühl gibt.

Was wir tun müssen, um Rassismus ein für alle mal zu ersticken

Was also tun? Wir müssen, sobald wir Diskriminierung ´bemerken, aktiv dagegen vorgehen. Nicht wegsehen oder akzeptieren. In den sozialen Medien jeden rassistischen Kommentar melden, den Nutzer direkt kritisieren, gemeinsam dagegen vorgehen. Den Mund aufmachen, unsere schwarzen Mitbürger aktiv verteidigen. In Gesprächen mit Familie und Bekannten sofort eingreifen, wenn auch nur der Hauch einer rassistischen Aussage im Raum steht. Sofort. Konfrontieren und klar machen, dass solche Gedanken dazu führen, dass sich nie etwas ändern wird. Und sie dazu bringen, ihr Verhalten zu hinterfragen und ganz bewusst in eine andere Richtung zu lenken. Sie aktiv bloßstellen und ihre schrecklichen Aussagen, Denkweisen und Aktionen aufhalten und zurückdrängen. Bis sie verpuffen.

Ein Beispiel: Vor Jahren schon gab es, als ich noch für eine Zeitung im Ruhrgebiet gearbeitet habe, einen Fall, in dem ein schwarzer Mann nur wegen seiner Hautfarbe und keinerlei anderer Anzeichen von der Polizei am Bahnhof kontrolliert wurde. Alle anderen jungen Männer um ihn herum nicht. Nur er. Der Unterschied: Die anderen waren weiß. Diesen Fall habe ich in der Zeitung aufgegriffen und thematisiert. Ich selbst war schockiert. Viele andere so gar nicht. Verstanden habe ich das nicht, mit denen darüber geredet aber auch nicht. Aktiv geworden war nur er selbst. Er selbst hat öffentlich erklärt, dass das Verhalten des Polizisten rassistisch war. Dass so etwas im Alltag immer wieder passiert. Und dass das ein absolutes Unding ist.

Was wir in Situationen wie diesen stattdessen tun müssen: Wenn wir so etwas mitbekommen, dann müssen wir zur Hilfe kommen. Wir alle. Und nicht nur er selbst. Nicht nur Schwarze müssen für Schwarze einstehen. Sondern vor allem Weiße. Den Polizisten konfrontieren, warum er gerade den schwarzen Mann kontrolliert und nicht den weißen. Ihn bei der Polizeistation melden und sein Verhalten anprangern. Sonst passiert so etwas wieder und wieder. Und genau das darf nicht mehr sein!

Wir müssen uns informieren, bis es wehtut

Oder die Diskussion um das Wort Neger. Wie kann es sein, dass es immer noch Menschen gibt, die nicht verstehen, warum das so falsch ist? Allein das zeigt, wie viel Handlungsbedarf auch hierzulande besteht – und nicht nur weit weg in den USA. Nur eine Petition zu unterzeichnen oder etwas bei Instagram zu posten, reicht nicht aus. Es muss mehr sein. Demonstrationen, Aktionen, täglicher Aktivismus. Am 6. Juni wird um 14 Uhr in Hamburg am Jungfernstieg demonstriert. Wer das liest und in der Nähe ist, weiß jetzt also, was er tun sollte. Und wer Angst hat, dass er selbst attackiert werden könnte, wenn er für schwarze Mitbürger einsteht: Dann überlegt euch doch bitte mal, was schwarze Menschen im Alltag immer wieder ertragen müssen. Und dann denkt nochmal neu.

Wir müssen uns außerdem viel mehr mit den Hintergründen beschäftigen: Literatur von schwarzen Autoren lesen, um andere Denkweisen und Blickwinkel zu verstehen. Und uns mal in Menschen mit dunkler Hautfarbe hineinversetzen: Wie würden wir uns fühlen, würden wir selbst niedergemacht oder entwertet werden, völlig ohne Grund, nur wegen der Hautfarbe, die uns angeboren wurde? Ganz aktiv und bewusst. Wir müssen uns selbst immer vorstellen, wie schlimm so ein Schmerz sein muss. Wir müssen so lange in uns reinhören und bohren, dass es weh tut, wenn wir darüber nachdenken. Die furchtbaren Videos ansehen, die kursieren. Damit wir dann mit vollem Herzen gegen die Ungerechtigkeit kämpfen können.

Mein Wunsch ist es, dass es bei vielen Menschen wirklich Klick im Kopf und im Herzen macht. Dass die, die immer noch (egal ob bewusst oder unbewusst) Negatives in ihrem hohlen Hirn haben, wenn sie einen schwarzen Menschen sehen, endlich mal zum Nachdenken kommen, zum Umdenken, zum Mitdenken, zum Mitfühlen. Interesse zeigen, Herz öffnen und Kopf einschalten: Was läuft da gerade falsch und warum? Dass sie sich mit ihren Gedanken auseinandersetzen und an sich arbeiten. Ganz aktiv und ehrlich. Dass es eine Zukunft gibt, in der es völlig absurd erscheint, dass Menschen mit dunkler Hautfarbe jemals mit etwas Negativem in Verbindung gebracht wurden.

Gegen das Coronavirus wird es sicherlich bald ein Mittel geben, das es abtöten kann. Die Impfung gegen Rassismus heißt: gemeinsam kämpfen. So lange, bis er im Keim erstickt ist. Deshalb müssen wir alle so lange schreiben, sprechen und thematisieren, bis es auch der Allerletzte tief im Unterbewusstsein verstanden hat: Black Lives Matter! An alle Menschen mit schwarzer Hautfarbe: Ihr seid wunderbar!!!

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